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Die Shakespeare Company


Kaum jemand ahnt, dass sich mit dem Namen "Shakespeare Co." Angelgeräte der höchsten Güteklasse verbinden. Leider ist diese Firma heutzutage fast nur noch für Massenware aus Fernost bekannt.

Ich bin mit Angelgeräten des Welt-Konzerns aufgewachsen. In den 70-er und 80-er Jahren, als ich zu angeln begann, war sie im Rheinland (ein Firmensitz lag in Köln) der dominierende Marktführer. Als Jungangler bekam ich bei den wohlklingenden Seriennamen Ambidex, President, Sigma, Alpha und Omni glasige Augen, eine orangefarbene Economy war meine zweite, dritte und vierte Rute. Bis heute fische ich zuweilen mit Shakespeare Ball-Bearing- und Ambidex-Rollen auf Hecht. Kurz gesagt, wenn ich irgendwo Shakespeare lese, denke ich immer zuerst an Angelgeräte und dann erst an Hamlet, Macbeth oder den Sommernachtstraum. Viele Sammler interessieren sich für DAM oder ABU - aber für die vielleicht interessanteste Angelgerätefirma interessieren sich in Europa nur wenige.

Kriegswirren
Der Begründer der Shakespeare Company, William Henry Shakespeare Jr., wurde am 21. September 1869 in Kalamazoo, Michigan geboren. Sein Vater kämpfte als junger Bursche noch im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1860 bis 61 (u.a. Blackburn's Forge, Bull Run 1st, Bailey's Cross Roads, Munson's Hill, Fair Oaks, Yorktown, White Oak Swamp, Malverns Hill, Bull Run 2nd, Chantilly und Fredericksburg) und wurde bei einem Infanterieangriff auf feindliche Linien bei Jackson, Mississippi schwer verletzt. Ein Geschoss durchschlug seine beiden Beine und die Hüfte, andere Kugeln trafen ihn, als er verwundet auf dem Schlachtfeld lag. Schon totgesagt wurde der im Sterben liegende First Seargeant in Erwartung eines baldigen Todes zum Brigadegeneral ernannt - doch Shakespeare Senior überlebte. Er überlebte sogar den anschließend angeordneten, 33 Tage dauernden Krankentransfer durch die feindlichen Linien der Konföderierten bis nach Cincinatti, Ohio. Der 19-jährige General erholte sich rasch, studierte Jura und eröffnete 1896 die "Central Bank of William Shakespeare" in Kalamazoo.

Sein ebenfalls frühreifer Sohn hatte nun ideale Voraussetzungen. Anfangs arbeitete er noch als Büroangestellter in der Textilienhandlung "M.Israel & Co.", aber bald langweilte er sich und wechselte in die Firma des Erfinders der elektrischen Straßenbahn, des ebenfalls elektrischen Zahnbohrers und des pneumatischen Kameraverschlusses, George F. Green.

Die ersten Shakespeare-Rollen
Schon ein Jahr später, 1889, machte er sich im Bereich des hinter-der-Linse-liegenden-Kameraverschlusses selbständig. Zu dieser Zeit baute der begeisterte Angler für sich und seine Freunde schon äußerst elegante Angelrollen auf einer Goldschmiede-Drehbank. "Bald," sagte er einmal, "hatte ich viele Freunde".

Als er eines Abends auf der Bettkante saß, und sich die langen Schottensocken herunterstreifte, ereilte ihn ein Geistesblitz: Er erfand die automatische Schnurführung der Multirolle (level-winding reel). Zuvor mussten alle Angler noch mit ihren Fingern mühsam die Schnur gleichmäßig auf der Spule verteilen. 1897 produzierte er mit Geld seines Vaters die weltweit erste funktionierende Angelrolle mit automatischer Schnurführung, die sagenumwobene "Style C" (Pat. #591,086). In den nächsten Jahren folgten die "Service", die "Standard", die "Professional", die "Style B" und die "Style A", alle Rollen handgebaut aus deutschem Nickelsilber und englischem Stubbs-Stahl. Die gesamte Mechanik war bis auf eine Höchstabweichung von 0,0635 mm genau gearbeitet. Für die Style B musste man damals mit 35 Dolar beispielsweise den Preis eines guten Pferdes auf die Ladentheke blättern.

Verschiedene Standbeine
1905 fand Shakespeare mit Thomas Perry einen Partner, der über 30 Jahre Erfahrung im Rutenbau besaß. Er kam aus Redditch, England - der Angelgerätestadt schlechthin - dort waren damals fast alle der führenden europäischen Angelgerätehersteller ansässig.

1922 brachte Shakespeare die erste automatische Fliegenrolle auf den Markt. Zu allen Zeiten, aber vor allem während der Wirtschaftskrisen versuchte Shakespeare seine Firma auf verschiedene Standbeine zu stellen: So produzierte er neben Angelgerät und Verschlüssen für Fotoapparate auch Teile für das "Roamer" Automobil, Tuberkulose-Medikamente, einen Vergaser und Korsettstangen. Zusätzlich betrieb er eine Rollschuhbahn und ein Kino in Kalamazoo. Während des zweiten Weltkrieges arbeitete die gesamte Fabrik für die Rüstungsindustrie (Norden Bomb Visiere, Sperry Kaliber 50 Automatikvisiere usw.). Die Firma wurde mehrfach für ihre kriegsentscheidende Bedeutung ausgezeichnet (Army/Navy "E" Award, Silver Star).

Die erste Glasrute
1944 kam es zu einem entscheidenden Vorfall: Dr. Arthur M. Howald zerbrach sich beim Forellenfischen im nördlichen Michigan die Spitze seiner Bambus-Fliegenrute. Zufällig war er der Technische Direktor der Glasfaser-Abteilung der "Libbey-Owens-Ford Glass Company". An diesem Morgen hatte er die Glasfaserrute erfunden, jedoch schlugen alle Versuche Howalds fehl einen brauchbaren Rohling herzustellen. Verzweifelt wandte er sich an den neuen General Manager Henry Shakespeare, den Sohn von Shakespeare Jr.. Der Fliegenfischerpapst Charles Ritz aus Frankreich wurde hinzugezogen, um "die" Fliegenrute zu konstruieren. Eine Million Dollar wurden in die Entwicklung investiert.

Die erste Glasfiber-Angelrute der Welt kam auf den Markt - die "Howald Glastik Wonderrod" (60 Dollar!). Der junge Henry legte hiermit den Grundstein für den Welterfolg der Firma. Tausende dieser Ruten wurden verkauft, trotzdem waren die Angler anfangs skeptisch und hingen an ihren Split-cane oder Stahl-Ruten. Henry befestigte einen kreisrund gespannten Blank als Türfeder am Hauptportal der Firma, um auch noch den letzten Zweifler von der Leistungsfähigkeit des neuen Materials zu überzeugen.

Ruheloser Tüftler
Der alte Shakespeare Jr. war Zeit seines Lebens ein Kommunist gewesen, in den USA der damaligen Zeit durchaus eine gefährliche Sache. Er war einer der ersten amerikanischen Unternehmer, der für seine Arbeiter mit einer Lebens- und Krankenversicherung sorgte und sie mit einem Bonussystem am Gewinn der Firma beteiligte. Nachdem er die Geschäfte an Henry übergeben hatte, beschäftigte er sich als kauziger alter Herr bis zu seinem Tode fast ausschließlich nur noch mit der Truthahnjagd. Vor allem vervollkommnete der ruhelose Tüftler die handelsüblichen hölzernen Truthahn- Lockpfeifen. Er imitierte die Balzrufe ("squääk") so perfekt, dass er von seinen Jagdkollegen zuweilen irrtümlich angeschossen wurde.


1948 streikte die Stahlarbeiter-Gewerkschaft und es kam zu Ausschreitungen, weil die Firmenleitung die Situation unterschätzte. 300 Streikende stürmten das Firmengelände, verwüsteten die Werkstätten der Rollenfertigung - der Gouverneur wurde eingeflogen, die Nationalgarde alarmiert. Dieses dunkle Kapitel der Firmengeschichte endete traurig, kurz nachdem der Streik beigelegt war, starb der alte Shakespeare vor Kummer, weil sich seine geliebten Arbeiter gegen ihn gewandt hatten.

Expansion
1959 wurde die erste Stationärrolle in den Katalog aufgenommen. Seit den 60-ern war die Shakespeare Company der Marktführer in der amerikanischen Fiberglast-Technologie - die Expansion begann. In Newberry, South Carolina, wurde ein Werk im Bereich Fiberglas & Elektronik gegründet. Dort werden bis heute aus Verbundwerksstoffen hochbelastbare Antennen, etwa für Militärjeeps, Panzer und Schnellboote, aber auch Rutenrohlinge hergestellt.

1963 schloss sich Shakespeare mit der alteingesessenen deutschen Angelgerätefirma Noris, Nürnberg zusammen und "hat damit den Grundstein für eine eigene Herstellungs- und Vertriebsfirma für Europa gelegt" (Katalog Noris-Shakespeare 1963). Der Firmensitz von nunmehr "Noris-Shakespeare" lag in Köln-Sülz, Berrenratherstr. 186-190, denn Noris wurde zuvor von der Firma "Brink Angelgeräte" aufgekauft, die unter der gleichen Adresse in Sülz schon vorher ihr Domizil hatte. Unter Kennern hatte Brink einen großen Namen - es war die älteste Angelgerätehandlung Deutschlands, gegründet 1757 in Bonn. Brink besaß seit Jahrhunderten den Alleinvertrieb der ältesten und bedeutendsten englischen Angelgerätefabrik "S. Allcock & Co. Ltd." aus Redditch für das Rheinland und Westfalen. Und hier schließt sich der Kreis: 1965 wurde die "Noris Shakespeare Ltd. of England" gegründet, die Firmen "S. Allcock & Co. Ltd." und "J.W. Young & Sons", beide aus Redditch, wurden aufgekauft.

Jetzt begann die große Zeit für Shakespeare in Europa - in den Folgejahren entwickelte sich die Firma zu einem der Marktführer für Qualitäts-Angelgerät. President, Ambidex und Sigma zählen heute noch zu den besten Rollenserien, die jemals gefertigt wurden.

Die Firma J.W. Young produzierte damals die Stationärrolle "The Ambidex" - dieser Rollenname sollte später bei Shakespeare eine bedeutende Rolle spielen und zu einem Klassiker werden. 1966 wurde der amerikanische Rollenhersteller Pflueger und die Trollingmotorenfirma Phantom aufgekauft. Es folgten noch eine Golfschläger-, eine Pferdesattel-, ein jugoslawischer Ski- und ein Sportbogen-Hersteller.
Nun folgte ein bedauerlicher, aber damals sicherlich wirtschaftlich notwendiger Schritt: Die Köder- und Zubehörproduktion wurde mit Winpull Fishing Accessories nach Hong Kong ausgelagert, die Rollen wurden zukünftig bei der Omori Manufacturing Company in Japan gefertigt.

Schon 1970 experimentierte Shakespeare mit Kohlefaser im Rutenbau, damals kostete ein Kilogramm noch über 3000 Dollar. Die Entwicklung der ersten "Graphlite"-Fliegenrute 1975 schlug so ein, daß sogar Orvis für die eigene erste Kohlefaserfliegenrutenserie Blanks von Shakespeare bezog.
Von der aus einem Glas-Kohlefasergemisch hergestellten Rutenserie "Ugly Stick" (häßlicher Stock) verkaufte Shakespeare seit 1976 Ruten für über 100 Millionen Dollar - es war die populärste Rutenserie die jemals hergestellt wurde. Die CB-Funkantenne aus dem gleichen Material übertraf sogar noch diese Verkaufszahlen.

Seit den letzten Jahren liegt die Firma herabgewirtschaftet am Boden. 1980 wurde die Aktienmehrheit durch Anthony Industries aus Kalifornien übernommen. Die Rollenherstellung und Fayetteville, Arkansas wurde stillgelegt. Seit 1994 experimentiert der Firmenbereich Verbundbaustoffe & Elektronik im Southeast Manufacturing Technology Center an der Universität von South Carolina mit neuen Werkstoffen zum Rutenbau.


Text u. Bilder: Thomas Kalweit