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Der künstliche Fisch


Raubfische fressen Fische, also fängt man mit Fischen Raubfische: Wenn es eine Angel-Regel mit Bestand gibt, dann diese! Wer dann aber auf die verrückte Idee kam, Raubfische ohne echten Köderfisch, nur mit einer Imitation, einer perfekten Nachbildung fangen zu wollen, liegt im Dunkeln der Zeit. Nur das Warum ist schnell beantwortet: Immer, wenn man sie braucht, dann beißen sie nicht, die Köderfische. So ist es sicher auch unseren angelnden Vorfahren gegangen. Eine praktische Lösung musste her: ein jederzeit frei verfügbarer Raubfischköder!

Die Idee zu ersten Kunstköder muss den Menschen schon früh gekommen sein, zweifellos ist der künstliche Fisch schon seit Urzeiten bekannt. Nicht nur Südsee-Fischer haben schillernden Muschelschalen und Fischschuppen beim Heruntertaumeln zum Grund hinterhergeschaut. Oft wurden die glitzernden Scheibchen gierig von Raubfischen angestupst oder gar aufgeschnappt. Von diesen Beobachtungen bis zur Konstruktion eines einfachen Blinkers oder Spinners ist der Weg nur kurz. Noch heute verwenden die Samoaner Blinker aus Schildpatt und Eskimos Kunstköder aus Walrosszahn und dies seit Jahrtausenden.

Archäologische Funde in Europa
Doch wann fand die Erfindung des Kunstköders in Europa statt? Aus der Steinzeit gibt es meines Wissens keinen eindeutigen Fund. Zwar rekonstruierte der experimentelle Archäologe H. Paulsen einen steinzeitlichen Kunstköder aus einem Feuersteinhaken und einer Muschelschale (siehe Abb.) mit dem er in der Ostsee zahlreiche Dorsche an Land ziehen konnte (nach BREUNIG). Ob es aber einen solchen Köder wirklich gegeben hat, ist unbekannt. Aus der Zeit vor 4.000 Jahren berichtet nur SCHREINER von einem Fund aus der Mark Brandenburg: „ Es ist ein ausgehöhltes, 10 cm langes Knochenstück, das auf der einen Seite Strichmuster zeigt und dessen Endstück kunstvoll zu einem Haken geschnitzt ist.“ Er gibt leider weder Ort noch genaue Zeit des Fundes an.


Rekonstruktion eines Kunstköders aus der Steinzeit nach H. Paulsen (Abb. aus BREUNIG 1974).

(Reconstruction of a stone age lure.)



Aus archäologischen Funden sind uns aber einige Kunstköder aus späterer Zeit bekannt. So erwähnt SCHREINER in einem Aufsatz in der „Fischwaid“ von 1951 den Fund eines elf Zentimeter langen Bronzelöffels aus dem Purgalsee im früheren Westpreußen. Der kunstvoll geschmiedete Blinker, „dessen umgebogenes, verjüngtes Ende in einen Einhaken mit Widerhaken ausläuft“ soll 4.000 Jahre alt gewesen sein. Nach SCHREINER wurde diese „Hechtdarre“ vom Einbaum aus geschleppt. Der genannte Fund lässt sich heute leider nicht mehr nachvollziehen.

Auch HAASE erwähnt künstliche Köder aus der Bronzezeit. Nach seinen Angaben befinden sich im kulturhistorischen Museum in Lübeck dünne Bronzeplättchen mit scharfen Hakenspitzen, die seiner Meinung nach als Kunstköder Verwendung gefunden haben könnten (siehe Abb). Ähnliche, 7 bis 8 cm lange Bronzelöffel, „die drahtförmig auslaufen und zu einem bartlosen Haken krummgebogen sind“ erwähnt auch SCHREINER.


Zeichnung von Ködern aus der Bronzezeit (Abb. aus HAASE 2000).

(Drawing of bronze age lures.)



Auch für das Mittelalter sind die Funde nur äußerst dürftig. Von einem besonders aufsehenerregenden Fund berichtet HOFFMANN: Im polnischen Wolin konnte RULEWICZ einige fischförmige Kunstköder aus Blei, Zinn und Bronze ausgraben (siehe Abb.). Die Köder sind 8,5 cm lang und stammen aus Fundschichten des 11. Jahrhunderts. Wohl kein Angler und Kunstködersammler kann sich der Schönheit dieser Köder entziehen.


Mittelalterliche Köder, gefunden im polnischen Wolin (Abb. aus RULEWICZ 1994).

(Medieval lures from Wolin, poland.)



Schriftliche Quellen
Schriftliche Quellen aus Europa sind bisher Mangelware. In der englischen Angel-Literatur gilt Izzak Waltons „The Compleat Angler“ von 1653 als eine der frühesten Erwähnungen eines Kunstköders, in diesem Fall ein Stoff-Fischchen zum Forellenfang:


„Und hier lass' mich Dir erzählen, wovon viele alte Angler recht wohl wissen, dass manchmal und in manchen Gewässern, ein Köderfisch nicht zu bekommen ist. Für diesen Fall verrate ich Dir, dass ich ein künstliches Köderfischchen besitze, welches ich Dir gleich zeigen werde. Es fängt die Forelle so gut wie die künstliche Fliege. Eine hübsche Frau mit geschickten Händen hat es nach dem Vorbild eines echten Fisches gestaltet: Der Körper besteht aus Stoff, bestickt mit einer Nadel. Den Rücken mit dunkler französischer Seide, an den Seiten etwas heller, die Übergänge so perfekt, wie Du es Dir nicht vorstellen kannst, wie eine Elritze. Der Bauch ist bestickt mit weißer Seide und mit einem Silberfaden. Schwanz und Flossen bestehen aus dünn geschabten Federkielen, die Augen sind zwei kleine schwarze Perlen. (Übersetz. Th. Kalweit)“


In SANDFORDS „The Best of British Baits“ (1997) findet sich ein gelungener Rekonstruktionsversuch dieses Köders. Die Nachfolger Waltons schrieben seine Beschreibung mehr oder weniger leicht verändert ab (z.B. Robert Nobbes: The Compleat Troller, 1682. Anonymus: The Gentleman Angler, 1726), so dass man davon ausgehen kann, dass vergleichbare Kunstköder im England der damaligen Zeit noch relativ unbekannt waren.

Fast hundert Jahre wurde es auf der Insel ruhig um den Kunstköder. Erst H.C. Cholmondely-Pennell nimmt sich diesem Thema ausgiebig an. In seinem „The Book of the Pike“ von 1886 beschreibt er, dass Aborigines und Polynesier bereits seit Urzeiten mit irisierenden Muschelschalen fischen. Für Europa nennt er die Schweden als Kunstköder-Erfinder, die schon seit der Mitte des 17. Jahrhundert mit Blinker-ähnlichen Kunstködern fischen sollen.

Die Kunstfliege
Die Geschichte der künstlichen Fliege ist weitaus besser erforscht und soll hier nur der Vollständigkeit halber kurz angesprochen werden (siehe HERD). Die älteste Erwähnung einer Kunstfliege stammt wohl von Claudius Aelianus (Mazedonien) um 200 nach Christus. Es gibt zahlreiche Quellen dafür, dass dieser Typ eines künstlichen Köders aus Federn in Deutschland seit dem 13. Jahrhundert, in England seit dem 15. und in Spanien seit dem frühen 16. Jahrhundert breite Anwendung fand (HOFFMANN).

Die älteste Abbildung einer Kunstfliege stammt nach HERD wohl von 1620: John Lawson, "The Secrets of Angling by J.D.Esquire, Augmented with many Approved Experiments by W. Lauson". Der Illustrator damals wusste aber wohl nicht wovon der Autor im Text sprach, denn abgebildet ist eine plumpe Hummel an einem groben Haken, obwohl im Text eine Maifliege beschrieben ist.

Die Entdeckung
Durch Zufall stieß ich in der nur wenig bekannten Literatur-Sammlung „Vom Angeln und Fischen“ (Hrsg. Otmar Riedel, 1981) auf eine winzige Abbildung am Rande eines Textes. „Das müsste doch ein Blinker sein“, dachte ich beim genaueren betrachten. „Ach du Schande - 1405!“ schoss es mir durch den Kopf. Nach einiger Recherche glaube ich nun, dass ich eine der frühesten (wenn nicht die früheste) Kunstköderabbildung wiederentdeckt habe. Das hatte Riedel bei der Wahl seine Illustration offensichtlich nicht bedacht, denn er bemerkte nur beiläufig: „Fischangel, Malerei aus einem kriegstechnischen Buch von Konrad Kyeser von Eichstädt, 1405“.

Nach einiger Recherche wurde ich in der Göttinger Universitätsbibliothek fündig: Blatt 65 (fol. 65v) der Göttinger Pergament-Handschrift „Bellifortis„ („Der Kriegsheld“) von Conrad Kyeser, fertiggestellt am 23. Juni 1405, zeigt die wohl erste Blinker-Abbildung Europas!

Der aus 140 Blättern bestehende und in Leder gebundene Pergament-Codex konnte 1773 für sieben Dukaten von der Universitätsbibliothek erworben werden. „Bellifortis“ zeigt den Stand der Kriegskunst zum Beginn des 15. Jahrhunderts: Angriffswaffen, Belagerungsmaschinen, und einen Tauchanzug - aber auch Zauberrezepte, Raketen, fliegende Drachen, Foltergeräte, Keuschheitsgürtel.

Konrad Kyeser wurde am 28. August 1366 in Eichstätt geboren. Aufgrund seines Erfindungsreichtums wurde ihm von der Nachwelt der Titel „bayerischer da Vinci“ verliehen. Weltweit existieren noch 30 Abschriften seiner Handschrift „Bellifortis“.









































Europas älteste Kunstköder-Abbildung aus dem Bellifortis von
Konrad Kyeser, 1405. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Niedersächsischen
Staats und Universitätsbibliothek Göttingen (2 Cod. Ms. philos. 63 Cim., fol. 65v).

(Probably the oldest picture of a european lure from 1405)



Hier der Text zur Blinker-Abbildung von Konrad Kyeser:


„Ex auricalco depurato bene cocto
Sic formetur hamus bifurcatus anteriori
Per te ut in forma fune mittatur in aquam
Et ad quantiatem binis palmis sit fabricatus
Pulchreque politus sic subsequatur geleam
Maris in itinere que appendent attrahe fune
Limphis in minoribus minores taliter aptes
Prout tibi competit piscibus equare studebis.“


„Phantastischer, ungeschickter Angelhaken aus reinem, gut geglühten Messing, möge in dieser Weise ein zweizackiger Angelhaken geformt werden, im vorderen Teil wie im Bilde, an einer Leine möge er ins Wasser geworfen werden. Er sei nach Bedarf etwa zwei Handflächen groß und sauber poliert. So folgt er dem Schiffe auf der Fahrt übers Meer; was sich anhängt, ziehe mit dem Seil heran. In kleineren Gewässern mögest Du kleinere von dieser Art anpassen, wie es Dir dienlich ist. Du musst streben, Dich den Fischen anzupassen.“ (QUARG, G. 1967)


Wenn Kyeser diesen Blinker in seiner Sammlung der Neuheiten und Erfindungen als „phantastischer, ungeschickter Angelhaken“ bezeichnet, dann kann man davon ausgehen, dass dieser Ködertyp bis dahin noch in Mitteleuropa ziemlich unbekannt war.



Summary:
The author describes the probably earliest european picture of a fishing lure. The trolling-spoon is mentioned in the manuscript "Bellifortis" (hero of war) from the "bavarian Leonardo da Vinci" Konrad Kyeser in 1405. Bellifortis ist a collection of new inventions of the 15th century, also the first chastity belt is mentioned. The lure ist called by Kyeser "amazing and heavy-handed fishing hook", which shows that this artifical lure was a completely new fish catching instrument in central Europe at his time. The latin text gives furthermore the probably first lure fishing instruction at all.



Text u. Bilder: Thomas Kalweit





Literatur:

BREUNIG, P.: Petri Heil vor 10.000 Jahren. Fisch und Fang, 1979 (Heft 12). Hamburg

BAYERISCHE STAATSBIBLIOTHEK (Hrsg.): Konrad Kyeser, Bellifortis. München 2000

CZIESLA, E.: Neue Altfunde aus Pritzerbe (Brandenburg). Zugleich ein Beitrag zum Fischfang und zum steinzeitlichen Angelhaken. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift. Jg. 42, 2001, Heft 4.

HAASE, H.: Faszination Fisch, Neuenhagen. 2000

HERD, A.: The Fly, www.medlarpress.com, www.flyfishinghistory.com.

HOFFMANN, R. C. (2000). Medieval Fishing. In: P. Squatriti (Ed.), Working with Water in Medieval Europe : Technology and Resource Use (pp. 331-393). Leiden.

KYESER, K.: Bellifortis. Handschrift 2 Cod. Ms. Philos. 63 Cim. 1405. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

QUARG, G.: Conrad Kyeser aus Eichstaett, Bellifortis (Faksimile-Ausgabe und Übersetzung). Duesseldorf: V.D.I. Verlag, 1967

RIEDEL, O.: Vom Angeln und Fischen, Fackelträger-Verlag, Hannover 1981

RULEWICZ, M., 1994. Rybolówstwo Gdanska na tle osrodków miejskich Pomorza od IX do XIII wieku. [Fishing of the city of Gdansk in relation to other urban centres of Pomerania from 9th through 13th century.] Gdanskie Towarzystwo Naukowe, Ossolineum, Wroclaw–Warszawa–Kraków. Gdansk Wczesno_redniowieczny, vol. 10. Gda_skie Towarzystwo Naukose, Wydzia_ i Nauk Spo_ecznych i Humanistycznych: Prace Komisji Archeologicznej, nr. 11. Wroclaw, 1994. zit. in: Hoffmann, R. C. (2000). Medieval Fishing. In: P. Squatriti (Ed.), Working with Water in Medieval Europe : Technology and Resource Use (pp. 331-393). Leiden.

SCHREINER, H.: Der Spinnköder. Die Fischwaid. 1951 (Heft 10). Hamburg

SANDFORD, C.: The Best of British Baits, 1997 (C. Sandford: Chris Sandford PO Box 256, Esher, Surrey, KT10 9W A).